Sündenbock


Sündenbock
Der Sündenbock sein: selbst ohne Schuld sein, aber die Schuld anderer auf sich nehmen und dafür leiden müssen, derjenige sein, auf den andere alles schieben, der verantwortlich gemacht werden soll. Ähnlich stellt der unschuldig Leidende selbst fest, daß er Immer den Sündenbock für andere machen müsse.
   Die Redensart bezieht sich auf einen jüdischen Brauch, der bei Lev 16, 21 für geschildert wird: Am Versöhnungstage wurden dem Hohenpriester zwei Böcke als Sühneopfer für die Sünden des Volkes übergeben. Nach dem Los wurde der eine Bock für den Herrn geopfert, der andere erhielt die Sünden Israels aufgebürdet, indem ihm der Hohepriester symbolisch die Hände auflegte. Danach wurde er in die Wüste gejagt und seinem Schicksal überlassen, um die Schuld der Menschen stellvertretend zu entgelten. In übertragener Bedeutung wurde ›Sündenbock‹ zur Bezeichnung des zu Unrecht Beschuldigten. Die ersten Bibelübersetzungen kannten das Wort ›Sündenbock‹ noch nicht, auch in der Lutherbibel fehlte es, nur von dem ›ausgesandten Bock‹ war die Rede. Die Vulgata bezeichnete ihn als ›caper emissarius‹. Vergleiche auch französisch ›C'est le bouc émissaire‹, niederländisch ›de zondebok zijn‹ und englisch ›to be a scapegoat‹.
   Bei Ausbruch des Krieges von 1866 erklärte Bismarck, den man dafür verantwortlich machen wollte: »Ueberall macht man mich verantwortlich für eine Situation, die ich nicht geschaffen, sondern die mir aufgedrängt worden; ich bin für die öffentliche Meinung der Sündenbock«.
   Der Brauch, anstelle eines Tieres auch einen gefangenen Fremden oder Verbrecher zum Sündenbock zu machen, war weit verbreitet und ist bis heute in harmloseren Formen erhalten geblieben. Nach einem handschriftlichen Manuskript von Fritz Rumpf ist er am ursprünglichsten im Land Owari bewahrt worden, am Kô-no-miya-Schrein von Inazawa Naoe-matsuri ist er dargestellt. Die älteste Nachricht vom Shintô Myômoku stammt von 1699: Am 11.1. ziehen die Priester mit zahlreichem Gefolge, Fahnen tragend, auf die Landstraße und fangen dort den ersten besten Reisenden, der ihnen in den Weg kommt. Nachdem er eine religiöse Reinigungszeremonie über sich ergehen lassen hat, wird das ›Opfer‹ in reine, weiße Kleidung gehüllt, zum Altar gebracht und dort auf ein Manaita (Hackbrett) gelegt. Hô-chô (Schlachtmesser) und Haski (Stäbchen) werden daneben niedergelegt. Man formt aus Lehm eine Figur und legt sie auf das Manaita. Der Gefangene muß daneben während der ganzen Nacht sitzen. Am nächsten Morgen wird die Figur entfernt. Dem Gefangenen wird ein Mochi (Opferkuchen) aus Lehm (Lehm der Figur?) mit einem Seil auf den Rücken gebunden, zusammen mit einer Schnur Kupfermünzen. Dann treibt man ihn aus dem Tempel und jagt ihn so lange, bis er vor Erschöpfung niedersinkt. An der Stelle, wo er zu Boden fällt, wird dann der Lehmkuchen vergraben. Dieser Brauch wurde dann (um 1740) dahingehend abgeändert, daß man keine Fremden mehr einfing, sondern durch das Los einen ›Sündenbock‹ bestimmte; meist einen Mann, der in dem betreffenden Jahr sein 40. Lebensjahr vollendete. Das Einfangen auf der Landstraße fand nun nur noch symbolisch statt, d.h., man ›fing‹ das bestimmte Opfer statt eines Fremden. Auch aus einem chinesischen Dorf wird ein ähnlicher Brauch berichtet: Wenn an diesem Tag ein Fremder ins Dorf kommt, wird er schweigend bewirtet, beim Verlassen des Hauses aber hinterrücks mit einem Stein erschlagen. Wesentlich dabei ist, daß ursprünglich ein Fremder getötet wurde.
   In Tibet wird ein Bettler (für Geld gemietet) durch Verkleidung zum ›Teufel‹ gejagt, in ein Fellkleid gehüllt wie ein Tier (Sündenbock). Er symbolisiert alles Übel des kommenden Jahres, Unglück, Krankheit usw. So rennt er zum Tor des Lamatempels hinaus; in diesem Augenblick werden vom Volk Trommeln wie wild geschlagen und Trompeten geblasen. Man wirft nach ihm mit Steinen, schlägt ihn mit Knüppeln. Er rennt durch die Straßen und flüchtet zu einem Platz außerhalb der Stadt. Oft wird er, bevor er das Stadttor erreicht, getötet.
   Auch bei den Griechen war der Sündenbock bekannt. Dort Parmakos (Attika) oder Parmakos (Ionien) genannt, schon 399 vor Chr. erwähnt und noch im 3. Jahrhundert nach Chr. üblich. Man wählte dafür meist Verbrecher, je einen Mann und eine Frau, aus.
   Das Opfer geschah gewöhnlich zur Zeit der targhlia, der Zeit der Erstlingsopfer der Feldfrüchte für Apollo, oder auch wenn Seuchen in der Stadt herrschten. Der Mann trug eine Schnur mit schwarzen Feigen, die Frau eine mit weißen Feigen um den Hals. In den Händen trugen sie Gerstenbrote. So wurden sie durch alle Straßen geführt, um alle Unreinheit anzunehmen. Dann führte man sie zur Stadt hinaus, steinigte und verbrannte sie. Ihre Asche wurde in die See und in den Wind gestreut.
   Der Sündenbock erscheint bei diesen Bräuchen also im Zusammenhang mit den Ablösungserscheinungen eines Menschenopfers.
• R. ANDREE: Ethnographische Parallelen und Vergleiche (Stuttgart 1878), S. 29-34; R. SPRENGER; Sündenbock, in: Zeitschrift für den deutschen Unterricht 5 (1891), S. 277; A. MÜHLHAUSEN: Zu R. Sprengers Sündenbock, in: Zeitschrift für den deutschen Unterricht 5 (1891), S. 484; W. BURKERT: Structure and Hi-
story in Greek Mythology and Ritual (Berkeley 1979), S. 59-72 (Transformations of the scapegoat, S. 59); J. FRAZER: The golden bough, vol. VI, The scapegoat (3. Auflage 1913); C. FEINBERG: The scapegoat of Leviticus 16, in: Bibliotheca Sacra 115 (1958), S. 320-333; Religion in Geschichte und Gegenwart. Bd. VI (31961), Spalte 506-507, Artikel ›Sündenbock‹ von E. KUTSCH; H.M. KÜMMEL: Ersatzkönig und Sündenbock, in: Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft 80 (1968), S. 289-318; H. HAAG: Teufelsglaube (Tübingen 1974), S. 170ff.; L. KRETZENBACHER: Wortbegründetes Typologie-Denken auf mittelalterlichen Bildwerken. Zur Ecclesia-Synagoga-Asasel-(Sündenbock) Szenerie unter dem ›Lebenden Kreuz‹ des Meisters Thomas von Villach um 1475 (München 1983) (= Abh. der Bairischen Akademie der Wissenschaften); F.J. OINAS: The Problem of the Scapegoat and Tammsaare's ›Juudit‹, in: Journal of Baltic Studies (JBS.), Vol. XVII, No. 1 (1986), S. 12-20.
Einen Sündenbock suchen. Karikatur von Haitzinger, 80.

Das Wörterbuch der Idiome. 2013.

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